ich mag keine linien auf dem papier. sie schreiben mir etwas vor

Die Anthologie

Das Maulwurfherz pocht
Gedichte an der Grenze
der Wahrnehmung


Herausgegeben von Iris Schwaneberger

Titel aus dem Gedicht „Maulwurf“ von Linni Lind

Hardcover, 64 Seiten – Preis: 10,90 Euro
Erscheinungstermin: 24. März 2010


Aus dem Vorwort von Barbara Bräutigam:

Vorliegende Anthologie ist nur am Rande und sehr unmerklich ein ästhetischer Genuss. Beinah jede Seite Lektüre schmerzt, man muss Atem holen und bittet heimlich darum, dass beim Umblättern das nächste Gedicht mehr verhüllt als es preisgibt. Jedes dieser 35 Gedichte von insgesamt 24 Autorinnen und Autoren beschreibt Leid, unermessliches Leid, und zwar an den Menschen, bei denen man Leid am wenigsten ertragen kann: Es geht um Leid von Kindern verursacht durch verschiedene Arten übergriffiger Gewalt.

Die Herausgeberin Iris Schwaneberger hat über anderthalb Jahre an dieser Anthologie gearbeitet, diese Gedichte über eine Ausschreibung zusammengetragen, erfasst und ausgewählt. Sie ist Mutter einer mittlerweile 14-jährigen Tochter, die vor sechs Jahren auf dem Nachhauseweg brutal vergewaltigt, misshandelt und fast erdrosselt wurde. Iris Schwaneberger hat diese Texte gesammelt, um ihrem Schmerz, ihrem heftigen Zorn und ihrer Fassungslosigkeit eine Gestalt zu geben … und um zu überleben.


Vertreten mit dem Gedicht: "Das 13. Sternzeichen"

2 Kommentare 1.5.11 18:33, kommentieren

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Der Mann am Moor

Der Mann am Moor

Er wartet still

Sein Leben nieder

Am Ufer, das die Toten birgt

Aus Moor und Grund

Ragt toter Flieder

Der einst ins Haar der Liebsten sank

Der raue Mund kein Lächeln bringt

Die Augen leblos, immerstill

Bevor die erste Sonne wacht

Er schon als Traum

dem Wind verklingt

So zieht die Trauer ihn zum Moore

Wo einst die Liebe mit ihm sang

Und sehnt er stets noch diese eine

Die lange schon der Erd’ entrann

Doch was ist Liebe, der wir halten

Sie immer unser Herz zerteilt

Denn trennt der Tod einst diese Seele

Der Übrige nur einsam weilt

Der Mann am Moor

Er wartet still

Sein Leben nieder

Am Ufer, das die Toten birgt

Er geht hinein

Entgeht dem Leben

Noch einen Kuss

Auf stille Lider


(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 23.03.2011)

1 Kommentar 29.4.11 14:18, kommentieren

Der geteilte Sohn

Der geteilte Sohn

Das Blut pocht schwer wie Blei

Durch die Wunden

Möwen rufen etwas

Am perlmuttfarbenen Meer

Die Dinge, die wir nicht sehen…

Malen sich in den leeren Strand

Hier will der Ozean

sich selbst ertränken

Der Halbsohn stammelt etwas

Unter Wasser

Und nur der Meeresgrund

Sieht seine Farben



Einem geliebten Freund gewidmet

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 08.12.2010)

29.4.11 14:15, kommentieren

Kirschblüten im Wind

Kirschblüten im Wind

Kirschblüten wehen im Wind

Am Ufer bricht ihr Staudamm

Zu einer Stadt an

Kirschblüten

Ich gebe weiche Stimme

Deiner Augen Hand

Ich spreche wehend

Deiner Worte Schmerz

Wenn du nicht sprechen kannst

Wo gehen deine Blicke hin

Wenn du träumst

Zu den Kirschblüten

Ich wehe dem Wind




Meinem Mann gewidmet

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 14.07.2010)

29.4.11 14:13, kommentieren

Menschen im Kerzenlicht

Menschen im Kerzenlicht

Sie stellten sich

unter den Kerzenlichtkreis

und drängten panisch aneinander.

Gesehen werden wollten sie,

den Schmerz des heißen

Wachses teilen,

der auf sie niederfiel.

Und immer mehr erstarren ließ

Die größte Angst...

Erfrieren im Schatten,

vereinsamen in der Einsamkeit,

verstummen in der Stille,

erblinden vom Licht der anderen.


(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 10.12.2009)

29.4.11 14:12, kommentieren

Im Weiten

Im Weiten

Unter tiefem Auge

Schweb ich hin

Es wird nicht Tag

Erkenne ich

Mit tauben Mündern

Was wieder mal

Die Nacht verbarg

Es flieht ein Traum

Von fremden Geist

Ins Meer der tausend

Träume ein

Und geht heran

Gebärt sich neu

Sucht Heimat Sich

Im fremden Sein


(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 15.10.2009)

29.4.11 14:09, kommentieren